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Kienstubbenverein aus Groß Lindow

Unser Slogan: Gut Brand

 

Der Ort Groß Lindow liegt im Osten des Landkreises Oder- Spree zwischen Müllrose und
Brieskow- Finkenheerd und hat etwas außergewöhnliches aufzuweisen.
In diesem Dorf gibt es noch ,,Kienweiber‘‘ und ,,Kienbuben‘‘ und das ist einmalig in Brandenburg,
in Deutschland, ja vielleicht auf der ganzen Welt.
Um die Besonderheiten dieser Geschichte zu verstehen, müssen zunächst einige
Begriffe geklärt und in die Vergangenheit des Dorfes zurückgeschaut werden.

Klären wir zunächst einmal das Wort ,,Kien‘‘.
Hierbei handelt es sich um ein mit Harz angereichertes Holzstück.
Harz ist ein natürlicher Bestandteil von Nadelholz.
Laut Lexikon ist Kien ,, ein durch Verletzung oder Insektenfraß
harzdurchtränktes Holzstück‘‘. Kommt es zu Verletzungen am Baum, lagert sich das Harz
im Holz konzentriert an und bildet einen natürlichen Wundverschluss.
Auch im Wurzelstock kommt es nach der Fällung von Nadelbäumen zu derartigen
Anreicherungen von Harz. Der Wurzelstock wird in der hiesigen Umgangssprache auch
als ,,Stubben‘‘ bezeichnet.
Bei unserer heimischen Kiefer sind diese Eigenschaften besonders ausgeprägt.
Chemisch besteht Harz zu 70 Prozent aus Kolophonium und zu 20 Prozent aus Terpentinöl.
Der Rest ist Schmutz und Wasser. Die besondere Eigenschaft des Harzes besteht darin,
dass es sehr gut brennt.
Und gerade das machte dieses Produkt so begehrenswert.

Als es noch keine Elektrizität gab, war ,,Leuchtkien‘‘ ein wichtiger Gebrauchsgegenstand.
Kienspäne waren von der Altsteinzeit bis ins 19. Jahrhundert hinein in Mittel und Nordeuropa
ein sehr verbreitetes Beleuchtungsmittel. Alle anderen Lichtquellen, wie Talglichte, Kerzen und Öllampen,
waren für die ärmeren Bevölkerungsschichten kaum erschwinglich.
So belegt zum Beispiel eine historische römische Schrift aus dem Jahre 1555,
dass ein leuchtender Kienspan bei häuslichen Arbeiten im Mund getragen wurde,
damit die Hände zur Arbeit frei waren.

Der Kienspan war bis zur Erfindung der Grubenlampen auch die älteste bekannte Grubenbeleuchtung
der Bergleute.
Das beweisen Funde aus der Zeit von 1000 bis 400 vor Christus aus dem keltischen Salzbergbau
bei Hallstatt (Österreich, Salzkammergut). Der Ur- Bergmann hielt den Kienspan während der Arbeit im Mund.
Verlor er seine Zähne, galt er als bergfertig und konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben.

Nachdem andere Leuchtmittel sich mehr und mehr durchsetzten, wurde der Kienspan trotzdem
weiter zum Anzünden von Herd- und Ofenfeuerung verwendet.

Es gibt viele Leute, die den Kien auch heute noch als Kohlenanzündersatz oder zum Anzünden
eines Lagerfeuers benutzen, natürlich auch die Lindower Kienbuben.
Die Bedeutung von Kien sei hier zunächst geklärt. Nun zurück zum Ort des Geschehens.
Der Ort Lyndow wurde im Jahre 1354 erstmals urkundlich erwähnt.
Er war in früheren Zeiten eher ein unbedeutendes Dorf.

Der Ort bestand ursprünglich aus drei kleinen Dorfstellen. Unterlindow war ein kleines Bauerndorf
und gehörte lange Zeit dem Kartäuserkloster in Frankfurt an der Oder und nach dessen Auflösung im Jahr
1540 der Universität Viadrina zu Frankfurt.
Oberlindow, etwa um 1700 entstanden, gehörte zur Herrschaft derer von ,,Burgsdorf‘‘ in Müllrose.
Neulindow war ein Kolonistendorf,
das erst 1766 gegründet wurde. Lindow war Grenz- und Zollort. Die Grenze zu Sachsen lag nur etwa 1,5 km
südlich von Oberlindow.
Erst nach 1815, als Ergebniss des Wiener Kongresses, wurde die Niederlausitz als Teil von Sachsen
preußisch und gehörte damit zu Brandenburg.

In der Kirchenchronik von Müllrose findet sich folgender Hinweis aus dem Jahr 1646:
,,Die Stadt Müllrose, welche im Lebuser Kreis liegt, wird mit einem brandenburgischen Grenzschutz versehen.
Die Pässe bei Müllrose und Schlaubehammer sollen täglich überwacht werden, damit nicht so viel Gesindel
aus Sachsen in den Lebuser Kreis käme‘‘.

Das verdeutlicht, dass es zwischen den Nachbardörfern ein gewisses Misstrauen gab,
und wie in Grenzgebieten üblich,mwird auch Schmuggel eine Rolle gespielt haben.
In den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte Lindow erst mit dem Bau des Friedrich- Wilhelm- Kanals,
der im Jahr 1668 eingeweiht wurde. Mit diesem Kanal wurde die Oder mit der Spree verbunden.
Durch dieses Bauwerk entstand eine Schiffsverbindung zwischen Schlesien, Berlin und Hamburg
und damit ein international bedeutender Handelsweg. Durch den Kanalbetrieb kam es zu einem
wirtschaftlichen Aufschwung in der Region.
In dem Buch ,,Statistisch- Topographische Beschreibungen der gesamten Mark Brandenburg‘‘
von F.W.A. Bratting, erschienen 1804,
lesen wir über Oberlindow: ,,Der Ort Oberlindow liegt hart an der Nieder- Lausitzischen Grenze
auf der südlichen Seite des Friedrich Wilhelmsgrabens, zwischen Müllrose und der Oder,
12 Meilen von Berlin und 1 ½ Meilen von Frankfurt an der Oder…

Der Ort ist ein Flecken, ohne Stadt- und Marktgerechtigkeit, übrigens sehr klein und unbedeutend
und in Absicht der Bauart von einem Dorfe gar nicht zu unterscheiden‘‘.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Lindow durch den Braunkohlebergbau bekannt.
Der Abbau der Grubenfelder um Lindow und Brieskow- Finkenheerd führte zu einem wirtschaftlichen
Aufschwung in der Region und es kam zu weiteren Industrieansiedlungen.
Aber spätestens mit dem Aufstieg der Mannschaft BSG Traktor Groß Lindow in die DDR- Fußball Liga machte
der Ort von sich reden.

Was hat dieses Dorf nun mit Kienräubern und Kienweibern zu tun? Die Bevölkerung von Lindow lebte
in früheren Jahrhunderten in bescheidenen Verhältnissen. Sie hatte einen schweren Alltag zu bewältigen,
weil sie auf armen Böden ackerte.
Die Bauern waren in der Regel nicht in Besitz von Wald.
Ihren Holzbedarf deckten sie aus den Wäldern der jeweiligen Herrschaft.
Das waren die Besitzer von Lossow, das Kartäuserkloster und später die Universität Viadrina in Frankfurt/Oder,
das Kloster Neuzelle und die Herrschaft von Müllrose.
Die Besitzer des Waldes regelten die Entnahme von Holz durch die Bevölkerung in Holzgerechtsame,
auch Servituten genannt. Diese Gemeinrechte regelten unter anderem die Nutzung von Bau- und Reparaturholz,
von Brennholz und von Leuchtkien. Die Tage, an denen Holz aus dem Wald geholt werden durfte,
wurden von den Forstaufsehern streng kontrolliert. So durften zum Beispiel nur an ein bis zwei Tagen
im Jahr Kiefernstubben ausgegraben werden, um daraus Leuchtkien für den eigenen Bedarf zu gewinnen.
Die Kiefernstubben wurden mühevoll aus der Erde gegraben, zerkleinert, gehackt und gebrauchsfähig gemacht.
Obwohl bestimmt war, dass dies nur zum eigenen Bedarf erfolgen durfte, ist bekannt,
dass trotzdem Handel mit diesen Waldprodukten betrieben wurde, um einen kleinen Nebenverdienst zu haben.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese Gemeinrechte durch Vergabe von Land an die Bauern
und durch Geldzahlungen nach und nach abgeschafft. Aber alte Gewohnheiten legt man schwer ab.
Jahrzehnte lang wurde um die alten Rechte gestritten.
In alten forstlichen Unterlagen der Oberförsterei Siehdichum aus dem Jahr 1853 erfährt man folgendes:
,,Den Forstbezirk Rautenkranz beschützt zur Zeit der Förster Sarcher.
Wenngleich dieses Revier zum größten Teil noch kahl liegt,
so erfordert es nichts desto weniger einen tüchtigen Beamten einerseits, weil er von allen Seiten
den Angriffen der Holzdiebe namentlich aus den Dörfern Lindow und Krebsjauche ausgesetzt ist…‘‘

Da diese Hinweise auf die Holzdiebe häufiger auftreten, ist zu vermuten,
dass der Begriff ,,Lindower Kienräuber‘‘ in dieser Zeit entstanden ist.

Da es verboten war, gingen die Männer nachts in den Wald und holten den Kien.
Wurden die Kienräuber vom Förster auf frischer Tat erwischt, wurde das nicht als Kavaliersdelikt abgetan,
sondern ihnen drohten drei Tage Haft im Spritzenhaus in Oberlindow.
Das wissen ältere Lindower Bürger aus den Erzählungen ihrer Eltern.
Der zerhackte Kien wurde gebündelt und dann von den Frauen mit der Kiepe zum Markt getragen.
Aber auch Waldfrüchte wie Pilze und Beeren, Blumen und Kräuter boten die Frauen auf dem Markt
in Frankfurt/Oder an.
Dort waren diese Frauen als ,,Lindower Kienweiber‘‘ bekannt. Zeitzeugen erinnern sich,
dass die Kienweiber noch bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein Kien nach
Frankfurt/Oder brachten und dort verkauften.

Zu dieser Zeit fuhren sie mit dem Bus oder mit der Eisenbahn von Finkenheerd in die Stadt.

So viel zur Geschichte, nun zur Gegenwart. Groß Lindow mit den beiden Ortsteilen Weißenspring
und Schlaubehammer ist heute ein idyllisches Dorf mit etwa 1800 Einwohnern.

Nach wie vor durchfließen die Schlaube und der Friedrich- Wilhelm- Kanal, streckenweise vereint,
die drei Ortsteile in Richtung Oder. Die Ortsdurchfahrt wird von einer wunderschönen Lindenallee gesäumt.
Es gibt eine Dorfkirche, eine schmucke Schule, ein neues Feuerwehrgebäude, einige Handwerksbetriebe,
sechs Gaststätten, über 500 Wochenendgrundstücke und viele neue Einfamilienhäuser.
Groß Lindow ist ein sehr aktives Dorf. Es gibt viele Vereine und man feiert gerne Feste.
Da sind zu nennen: Weihnachtsbaumverbrennung im Januar, Karneval im Februar, Osterfeuer,
Lindenfest im Juni, Kanalfest im Juli, Open-Air-Konzerte im August,
Sanddornfest im Oktober und der traditionelle Weihnachtsmarkt.

Was ist nun aber geblieben von den Kienräubern und Kienweibern?
Mit der Erfindung der Elektrizität und dem Einsatz von Kohle und anderen Energieträgern war der Bedarf
an Leuchtkien und Brennholz nicht mehr vorhanden.

Geblieben ist nur der, nicht immer ernst gemeinte, Spott der Nachbardörfer: ,,Ihr Kienräuber! ‘‘
und der Karnevalsruf der Lindower Narren. Wenn man anderorts ruft: ,, Ole‘, Ole‘,
Stadt an der Spree‘‘ oder ,,Helau! , Helau!‘‘, dann hört man in Groß Lindow: ,, Stubbe!, Stubbe!, Kien! Kien!‘‘.

Im Jahr 1975 lebte die Karnevalstradition in Groß Lindow wieder auf und beim 3. Karneval im Jahr 1978
erschienen die ersten drei ,,Kienweiber‘‘ im Karnevalsumzug.
Seit dieser Zeit sind sie fester Bestandteil beim Karneval und bei allen anderen Höhepunkten im Dorfleben.
Mit ihrem ,, selbst gebrannten‘‘ Kienschnaps und ihrer fröhlichen Art tragen sie stets zur guten Stimmung
auf den Festen bei. In ihrer hübschen und fantasievollen Tracht fallen sie in jeder Hinsicht auf
und das schon seit über 30 Jahren.

Auch die Männer in Groß Lindow besannen sich auf alte Traditionen.
Innerhalb des Sportvereins Blau- Weiß Groß Lindow 1909 e. V. bildete sich im Jahr 2001
die Traditionsgruppe ,,Kienstubbenverein‘‘. Im Dezember 2008 beschlossen die Mitglieder der Gruppe
einen eigenständigen Verein ,,Kienstubbenverein Groß Lindow 2001 e. V.‘‘ zu gründen.
Nun stellt sich natürlich die Frage, was treiben ,,Kienbuben‘‘ heute und womit beschäftigen sie sich?
Wirtschaftliche Not treibt sie Gott sei Dank nicht mehr zur Kienräuberei.
Der Verein mit seinen 22 Mitgliedern verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Im Mittelpunkt des Fördervereins steht die Brauchtumspflege. In ihrer Vereinssatzung heißt es:
,,Da Einstellungen und Verhaltensweisen zur Natur, auch durch Tradition und Traditionspflege
geprägt werden, ist insbesondere den jungen Menschen der Reichtum des Waldes und seine
Werterhaltung in Vergangenheit und Gegenwart nahe zu bringen.
Geführte Waldwanderungen, Fahrradtouren zu den Sehenswürdigkeiten der Heimat,
Vorträge zur Heimatgeschichte und vieles mehr sollen das Gemeindeleben nachhaltig bereichern.
Ziel des Vereins ist es weiterhin, alte Tätigkeiten, wie das Gewinnen von Kien, die Herstellung von
Holzkohle, aber auch andere längst vergessene Berufszweige, wieder lebendig werden zu lassen‘‘.

Die Lindower Kienbuben sind bei allen Festen und Höhepunkten präsent.
Und das nicht nur in Groß Lindow, sondern auch in der Umgebung.

Jedes Jahr zum Lindenfest wird der Baumstamm, an dessen Spitze ein Kienstubben befestigt ist,
von bis zu 14 Kienbuben durchs Dorf getragen. Der Stubben wird zuvor von einer Jury aus
mehreren Stubben ausgewählt.
Der Baum wird auf dem Festplatz aufgestellt und dort bleibt er dann für die Zeit des Festes.
Später bekommt der gekürte Stubben einen Ehrenplatz auf dem Köhlerplatz..

Zur 750- Jahrfeier der Stadt Frankfurt/Oder wurde so ein Stamm von Groß Lindow 15 km in die Stadt getragen,
um am Festumzug teilzunehmen. Ein Kraftakt, der rekordverdächtig ist.

 

Neben der Teilnahme an den Feierlichkeiten der Städte Frankfurt/Oder und Fürstenberg/Oder
(heute Stadtteil von Eisenhüttenstadt) gab es weitere Höhepunkte und Aktivitäten:

Auftritte zu Feierlichkeiten in den Nachbardörfern und zum Tag des Baumes im Amt für
Forstwirtschaft Müllrose.
Beim Konzert der ,,Randfichten‘‘ im Friedrich- Wolf- Theater in Eisenhüttenstadt wurde auf der Bühne
ein gemeinsames Foto geschossen. Sie verdingen sich als Treidler am Friedrich- Wilhelm- Kanal und
veranstalten Wettbewerbe im Kienstubben- Weitwurf. Immerhin wird so ein Stubben schon über 7 Meter
weit geworfen.

Die Kienbuben tragen eine zünftige Tracht. Es gibt eine Vereinsfahne und ein Vereinslied nach der
Melodie ,,Glück auf der Steiger kommt‘‘. In der 1. Strophe heißt es: Kienjungen auf,
der Baum kommt und da haben wir den Stubben bei der Hand und da haben wir den Stubben bei der Hand
schon angehaun, schon angehaun…

Inzwischen ist an beiden Ortseingängen von Groß Lindow ein ,,Stubben‘‘ aufgestellt worden.
Die skurrilen Gebilde sind eine originelle Art, Besucher des Ortes neugierig zu machen.
Über die Hintergründe klärt auch gleich eine Schautafel auf. Wer nun glaubt,
das Vereinsleben wäre damit erschöpft, hat sich getäuscht.
Bei einer Waldwanderung mit dem Förster erfuhren die Kienbuben, dass in früheren Jahrhunderten
in unserer Gegend das Köhlerhandwerk betrieben, und Holzkohle hergestellt wurde.
Einige Spuren dieses Handwerks sind heute noch im Wald erkennbar.
Nur kurze Zeit später absolvierten fünf Vereinsmitglieder im Harz einen Köhlerlehrgang und
schlossen diesen mit Bravour ab. Bei dieser Gelegenheit trat man natürlich dem Harzer Köhlerverein bei
und ist somit automatisch im Europäischen Köhlerverein (EKV) vertreten.
Wenn man etwas in die Hand nimmt, dann richtig! Von nun an begann eine ganz neue Ära im Verein und im Dorf.
Das Holzkohlefieber war ausgebrochen! Anfangs probierte man sich nur an einen kleinen Holzkohlemeiler aus.
Inzwischen wurden schon mehrere Schaumeiler aufgestellt und abgekohlt.
Die Holzkohle ist von ausgezeichneter Qualität und heiß begehrt.

Über die Arbeit des Kienstubbenvereins im Hinblick auf die Köhlerei kann an dieser Stelle
nicht ausführlich berichtet werden, aber vielleicht in einem der nächsten Kreiskalender.
Aber noch eines sei bemerkt: Groß Lindow hat jetzt ein weiteres Dorffest – das Köhlerfest im Oktober.

 

Text: Michael Köckritz